"I
n irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen
flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn,
auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden
.

Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte:
aber doch nur eine Minute.


Nach wenigen Atmzügen der Natur
erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere
mussten sterben. -

So könnte Jemand eine Fabel erfinden und würde doch
nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft
und flüchtig, wie zwecklos und beliebig
sich der menschliche Intellekt
innerhalb der Natur ausnimmt;

es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war;
wenn es wieder mit ihm vorbei ist,
wird sich nichts begeben haben.

Denn es gibt für jenen Intellekt keine weitere Mission,
die über das Menschenleben hinausführte.

Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer
und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob
die Angeln der Welt sich in ihm drehten.

Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen,
so würden wir vernehmen, dass auch sie
mit diesem Pathos (Leidenschaft) durch die Luft schwimmt
und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt.

Es ist nichts so verwerflich und gering in der Natur, was nicht
durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens
sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde;

und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will,
so meint gar der stolzeste Mensch, der Philosoph,
von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch
auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen ...

Friedrich Nietzsche
(1833 - 1900)
"Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne"
(1873)


"Der Mensch ist ein kluges Tier,
das sich doch zugleich
selbst völlig überschätzt.


Denn sein Verstand ist
nicht auf die große Wahrheit,
sondern nur auf die kleinen Dinge
im Leben ausgerichtet.

Kaum ein anderer Text in der Geschichte der Philosophie hat auf so poetische
wie schonungslose Weise dem Menschen den Spiegel vorgehalten.


Aus: Richard David Precht (b.1964, Deutscher Schriftsteller, Philosoph, Publizist):
"Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise"
GOLDMANN 11.Auflage 2007