„Der
Beruf des Arztes
macht eine Hinwendung von Mensch zu Mensch
erforderlich.
Der Arzt muss sich grundsätzlich bemühen, den Patienten als ein anderes Ich,
als Person zu akzeptieren.
Er darf ihn nicht ausschließlich als ein reparaturbedürftiges Etwas ansehen,
sonst läuft er Gefahr,
einem Automechaniker, oder bestenfalls einem Tierarzt, im
günstigeren Fall noch einem Erfüllungsgehilfen
der Krankenkasse gleichgestellt
zu werden.
Die Fülle an medizinischem Wissen und Können belastet den heutigen
Arzt in einer Weise, die einer intensiveren Beschäftigung mit den theoretischen
(philosophischen) Grundlagen des Menschseins kaum mehr Zeit lassen.
Philosophieren erscheint als entbehrlich oder sogar als belächelnswert.
Auch die
Ausweitung der medizinischen Lehre auf die Gebiete der Psychosomatik und der
Sozialmedizin
haben diesbezüglich keinen Fortschritt gebracht.
Eine fundierte
Medizinethik steckt mangels einer tragfähigen allgemeinen
Wissenschaftstheorie der Medizin
in den Kinderschuhen. Die
naturwissenschaftliche Methodik beherrscht derzeit mit geringen Ausnahmen das
medizinisch-wissenschaftliche Terrain. In dieser Methodik ist in der Medizin
mangels anderer exakter Methoden
die Statistik als Probabilisierung
(zunehmender Einfluss der
Wahrscheinlichkeit, „Verwahrscheinlichung“)
führend.
Alles, was in der Diagnostik und Therapie geschieht, wird nach einer
Erfolgswahrscheinlichkeit in einem anonymen, mehr oder weniger äqualen
(gleich groß, nicht
verschieden)
Kollektiv beurteilt und der erfolglos behandelte
Einzelfall gilt dann als statistischer Ausreißer oder als nicht repräsentativ.
Auch wenn, wie das heute meistens der Fall ist,
die Auswahl der Gruppen
und
Kontrollgruppen, Planung, Durchführung und Beurteilung nach sorgfältigen
Kriterien erfolgen, so zeigt eine jahrzehntelange klinische Erfahrung, dass
Studien längst nicht das bringen, was sie zu versprechen scheinen.
Erst jahrelange klinische Erprobung und Bewertung in der Praxis machen ein
Medikament
zu dem, was es letztendlich zu bieten vermag. Klinische Studien sind
in Phase 1-3 wohl geeignet, etwas über die Verträglichkeit eines Medikamentes
auszusagen, die Erfolgsstatistik geht aber meist nicht eindeutig darüber hinaus,
als dass ein Medikament auch nicht entscheidend besser ist als seine Vorläufer.
Das gilt z.B. eindeutig für die antibakterielle Chemotherapie.
Um dieser bedrohlichen Entwicklung einer unkritischen Probabilisierung („Verwahrscheinlichung“) Einhalt zu gebieten, haben wir mit dem dialogischen Denken Martin Bubers (1878-1965, österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph.) den Ausgangspunkt einer neuen Medizintheorie zusammen mit einer Erweiterung durch die konstruktivistischen Ideen von Francisco Varela (1946-2002, chilenischer Biologe, Philosoph und Neurowissenschaftler, der, mit Humberto Maturana (b.1928. chil. Biologe) Autopoiese Konzept (1972) begründet) aus der Heinz von Foerster (1911-2002,österreichischer Physiker, Professor für Biophysik, Mitbegründer der kybernetischen Wissenschaft) Schule vorgeschlagen.
Der Versuch, in
Anlehnung an das Ich-Du und seinem Zwischen nach Martin Buber gegenüber einem
Ich-Es
in zwei Ebenen (Meta- und Orthoebene) konstruktiv darzustellen, machte
insofern besondere Schwierigkeiten,
als der Übergang von einer an Raum, Zeit und
Kausalität gebundenen Orthoebene zu einer dimensions- und kategorienlosen
Metaebene schwierig ist und als ein Rückfall in die angeblich längst totgesagte
Metaphysik oder als Mystik angesehen wird. „Die Lösung des Rätsels des Lebens
in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit“, betont selbst
Wittgenstein (Ludwig W. 1889-1951
österreichisch-britischer Philosoph).
Durch eine strikte Ablehnung jedes metaphysischen Gedankenganges, der über die
in der Naturwissenschaft geforderte Messbarkeit hinausgeht, gefährdet man aber
die Existenz des Subjekts, und das macht das Arzt-Patient-Verhältnis lediglich
zu einem Dienstvertrag, wenn nicht gar zu einem Werksvertrag womöglich
noch mit Erfolgsgarantie und ihrem Werbeslogan: bei Misserfolg, Geld zurück.
Beim Arzt-Patient-Verhältnis handelt es sich nicht nur um ein Subjekt,
sondern
um ein Verhältnis von zwei Subjekten als autonome Personen.
Diese Intersubjektivität zwischen Arzt und Patient ist von besonderer Art.
Sie
widersteht jeder Messung, ist akausal und ist daher von jeder
naturwissenschaftlich betriebenen Psychologie
und Soziologie niemals zu
erfassen. Schon deswegen, weil sie nicht der klassischen Logik allein gehorcht
und sich damit in ihrer Vollständigkeit dem anerkannten, auf Induktion
beruhenden Wissenschaftsbegriff entzieht.
[Als Induktion (lateinisch inductio, „Hineinführen“)
bezeichnet man im schlussfolgernden Denken die Zusammenfassung von
Einzelphänomenen
(z. B. Beobachtungen, Daten) in einem allgemeineren Satz und
somit die wichtigste Form der reduktiven Schlussweise. In einem erweiterten Sinn
umfasst der Begriff alle Arten von vermuteten Gesetzmäßigkeiten]
Dieses intersubjektive Verhältnis geht weder
nur von einem isolierten Subjekt aus, wie das Schütz
(Alfred Sch. 1899-1959, österr.
Jurist, Philosoph und Soziologe, Begründer der phänomenologischen Soziologie) beschreibt, noch von der Gesellschaft, wie es Mead
(George Herbert Mead, 1863-1931,
Professor für Philosophie und Sozialpsychologie an der Universität Chicago)
vorschlägt, sondern viel überzeugender nach Buber (Martin B.)
vom
Zwischen der Beziehung zweier
autonomer Subjekte.
„Ich verstehe ein
bisschen von der Natur und kaum etwas vom Menschen“,
sagte Einstein (Albert E. 1879-1955, Nobelpreis f. Physik 1921)
bescheiden, doch das Subjekt war ihm stets heilig und er
bezeichnete es als kaum zugänglich.
Den kranken Menschen sah er aus
eigener Erfahrung heraus als kreativ an. „Die Krankheit“, sagte er,
„hat ihre Vorteile, man lernt denken“. In einem längeren Gespräch mit Martin
Buber, der Einstein nach seinem Glauben fragte, erklärt dieser: „Was wir
[die Physiker] erstreben, ist, Seinen [Gottes] Plan nachzuzeichnen, so
wie man eine geometrische Linie [more geometrico nach
Baruch de
Spinoza,
1632-7, niederländischer Philosoph] nachfährt“.
So machte
er den Konstruktivisten Mut, denn Einstein hielt alle seine Erkenntnisse für
das Wissen von Schulkindern ... und die wahre Natur der Dinge, die werden wir
nie, nie erkennen. Trotzdem ging es Einstein nicht nur um den Willen zum
Wissen, sondern vor allem auch um den Willen zur Wahrheit.
Sein
berühmtester philosophischer Ausspruch ist:
„Gott würfelt nicht!“.
Allerdings wird diese Feststellung heute von
vielen modernen Physikern, wie z.B. von Stephen Hawking
(b. 1942, englischer
Astrophysiker, 1963 wurde bei Hawking Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
diagnostiziert, seit 1968 ist er auf einen Rollstuhl angewiesen), wohl aus Missverstehen, was Einstein
ausdrücken wollte, strikt abgelehnt.
Wenn Physiker,
wie Einstein und auch Hawking erstreben, Gottes Plan nachzuzeichnen, warum sollte
das für die Mediziner nicht genau so erstrebenswert sein? Der Arzt muss sich
noch mehr als der Physiker bemühen, in die Nähe von „Gottes Plan“ zu kommen,
umso mehr als es sich beim Patienten nicht nur um einen Partner oder gar um eine
Ware handelt, sondern um einen autonomen Mitmenschen als Abbild des gemeinsamen
Schöpfers.
Doch des Anderen als eines anderen Ichs (nach Pythagoras
von Samos, 570-510 v.Chr)
im Sinne Bubers
inne-zu-werden, bedarf es einiger Bemühungen.
In der modernen
Existenzphilosophie (Edmund
Husserl
1859-1939,
Jean-Paul
Sartre 1905-80,
Martin
Heidegger
1889-1976
u.a) geht es kaum um dieses Bemühen, doch spielt das Geschehen
einer „Veränderung“ eine wichtige Rolle, das soll heißen, in einer
engeren Kommunikation (wie sie zwischen Arzt und Patient stets stattfinden
sollte) findet stets eine Veränderung des jeweils Anderen durch gegenseitige
Beeinflussung statt. Der Mensch sieht im Anderen zuerst immer nur das Objekt,
die Materie. Das führt im Sinne einer Veränderung vorerst zu einer Entfremdung,
die von
Sartre als Konfliktursache gedeutet wird. Zur Überwindung
dieses Auseinanderklaffens zweier Personen schlägt
Peter Kampits [b.1942, Philosoph, Wien]
einen „Sprung“
vor, um auf den „Boden zu gelangen, auf dem sich dialogisches Denken
entfaltet“. Was soll dieser Sprung? Sartre denkt ausschließlich an
das, was sich im Ich selbst abspielt und schließt damit die Position des anderen
als eine Antwort auf einen Anruf weitgehend aus.
Der Patient ist
ein Hilfesuchender und ruft diesbezüglich den Arzt an.
Der Arzt
muss sich seine Antwort wohl überlegen und sich darüber im klaren sein,
dass er mit dieser den Patienten verändern kann. Der Patient sagt: „Mir fehlt etwas“. Der Arzt soll ihm suchen helfen, was das ist und
wo das ist
und sei es, dass ihm seine Seele entfleucht ist, die es nun in
Schamanenmanier aus Himmel und Hölle zurückzuholen gilt.
Schon Rufus von Ephesus (um 100 n. Chr., Arzt u. Schriftsteller) aus der alexandrinischen Schule meinte, dass der Arzt mehr auf sich achten solle, wie der Patient etwas sagt und weniger auf das, was er versucht mitzuteilen.
Solch eine
Betrachtung des Patienten geht über eine Beobachtung des Details
hinaus und soll in einen Versuch des Innewerdens des Patienten münden.
Die
Beobachtung
ist ein aufmerksames Hinschauen auf Details, auf ein
Symptom, z.B. auf eine eventuelle Gelbfärbung der Skleren oder ein Exanthem oder
eine Schmerzreaktion etc.
Die
Betrachtung
breitet solche beobachtete
Symptome über den ganzen Körper aus. Der Arzt betrachtet dann den Patienten wie
ein Künstler, der sein Gegenüber porträtieren will. Er verwandelt den Eindruck,
vielleicht schon gestalthaft, in ein Krankheitsbild. Das
Innewerden
aber ist das Erfassen der Persönlichkeit des Patienten als gleichwertigen
Partner, als Ganzes, als autonome Person.
Buber bezeichnet dieses
Innewerden als Möglichkeitsgrenze des Dialogischen überhaupt. Das
Verändern und die daraus folgende Unterscheidung des Menschen von sich
selbst sind viel besprochene Probleme der Philosophie und Psychologie. In
beiden Situationen ist es das Gegenüber des Menschen, das ihn in diesem Sinne
formen kann.
Solch eine Transformation mag auch das Innewerden sein. Doch
soll das Innewerden die beiden Personen des Arztes und des Patienten so
verbinden, dass ein gestalthaftes Zwischen entsteht.
Dabei wird eine
Begegnung in eine Beziehung verwandelt.
Während die Begegnung in
einer Orthoebene im Sinne eines Verhältnisses eines Ich zu einem Es
stattfindet,
in der Befunde erhoben und beurteilt werden, erfolgt die Beziehung
in einer Metaebene im Sinne eines autonomen Ich zu einem autonomen Du,
die ein neues autonomes Zwischen erscheinen lassen.
Die Ich-Es-Begegnung
findet
in Raum, Zeit und Kausalität statt, die Ich-Du-Beziehung hat ihr Wesen außerhalb
aller sinnlichen und intellektuellen Koordination.
Aufgrund der
Inkommensurabilität
(„Unmessbarkeit“, nicht zusammen messbar)
einer Ortho- und Metaebene kann eine direkte Verbindung nicht
hergestellt werden. Es müssen „Kräfte“ angenommen werden, die eine gegenseitige
Beeinflussung zwischen den beiden an sich inkommensurablen Ebenen möglich
machen.
Die Existenz solcher Transformationsenergien wird immer dann angenommen,
wenn der Versuch unternommen wird, eine gegenseitige Beeinflussung von
qualitativen und quantitativen Eigenschaften zu erklären. Frühe diesbezügliche
Bemühungen finden sich bereits im alten Testament, Im Hohelied sowie in der
daraus hervorgegangenen Kabbala
(die mystische Tradition des Judentums),
in den indischen Chakras
(„Energiekanäle, -zentren“),
und setzen sich in der christlichen mystischen Tradition wie z.B. auch in der
Benediktinerregel des „Ora et labora“
(Bete und arbeite) fort.
Das Ora, die
Aufforderung des heiligen Benedikt von Nursia
(480-547, Begründer des
christlichen Mönchtums im Westen)
als verpflichtendes Gebet, ist eng verwoben mit dem
ebenso verpflichtenden Labora, der Arbeit. Im Ora liegt der Sinn und das Ziel
der Arbeit. „Was ihr dem Mitmenschen getan habt, habt ihr mir getan“,
sagte Christus. Das gilt für die Benediktinermönche in der Krankenpflege, in der
Sorge für die Armen und Gebrechlichen, im Schulunterricht, aber auch für die
Vermehrung des Wissens durch die Anlage von Bibliotheken, Übersetzungen und
Herstellung von Schriften, in der Errichtung von Bauten und der Schaffung von
Kunstwerken. Aus der Abwendung von einer ausschließlichen Kontemplation
(„beschauliche Betrachtung“) zu einem Dienst an der Menschheit zur
höheren Ehre Gottes ergibt sich eine liberalere tolerantere Haltung gegenüber
der produktiven Arbeit der gläubigen, andersgläubigen oder auch nichtgläubigen
Mitmenschen. Die Bedeutung der Benediktiner und der aus ihnen hervorgegangenen
Orden für den hohen Wissensstand Europas und dementsprechend auch für die
Medizin kann gar nicht hoch genug angesetzt werden. Wir stehen vor dem Zeitpunkt
des Einstiegs in das einundzwanzigste Jahrhundert.
Ein Rückblick auf vergangene
Jahrhundertwenden mag deutlich machen, wie wandlungsfähig das Kulturbewusstsein
und damit auch die Auffassung von der Medizin im Lauf der Zeit sind. Die Medizin
war und ist immer in die gesamte Kulturentwicklung eingebettet, auf die sie dann
selbst wieder zurückwirkt.
Wir registrieren schon in der Wende zum 11. Jahrhundert die Gründung der Ärzteschule in universitärem Rahmen in Salerno (Salernitaner Arzt Archimatthaeus im 10.Jhd.). Die bis dahin fast ausschließlich von Benediktinermönchen betriebene, rein empirische Mönchsmedizin sollte eine wissenschaftliche Grundlage erhalten. Übersetzungen der Werke anerkannter antiker griechischer, römischer und arabischer Ärzte bildeten die Unterlagen für das berühmte Salernitische Lehrgedicht mit seinen 4000 Versen, von denen leider nur 400 erhalten geblieben sind.
Aus:
„Klinische Philosophie - Teil4: Ärztliche Hodegetik – Wege zu einer partnerschaftlichen Medizin"
Einleitung, Seite 7-11
von
Karl Hermann Spitzy
(b.1915, Prof. Dr. med. et phil. Mag. artium, Onkologe Wien)
„Klinische Philosophie"
Teil 1: Ärztliche Dialogik
Teil 2: Ärztliche Ethik
Teil 3: Ärztliche Wissenschaft
Teil 4: Ärztliche Hodegetik
VERLAG WILHELM MAUDRICH
Teil I+II 1995, Teil III 1998, Teil IV 2000
Hodegetik
(Hodegese,
griechisch der Weg, vgl. auch Hodegetria) bedeutet wörtlich die Lehre von der
Wegweisung.
Eine pädagogische Methode zur Erlernung des richtigen Verhaltens z.B. des Arztes
gegenüber dem Patienten.
Ihren Ursprung hat dieses Fach in der ärztlichen Hodegetik, einer schon im Mittelalter gelehrten Disziplin des Medizistudiums,
die den richtigen Umgang des Arztes
mit Patienten vermittelte.
Als historischer Fachbegriff
aus der Pädagogik ist damit im wesentlichen die Lehre von der Anleitung zum
Universitätsstudium gemeint. Aufgabe der Hodegetik ist es, „Sinn und Zweck des
akademischen Studiums sowie seine Methode“ (Horst Kunze) zu vermitteln.