"Stelle keine festen Behauptungen auf,
vor allem keine Theorien,
ohne die gleichzeitige Bereitschaft,
diese ständig einer kritisch-rationalen Prüfung
zu unterziehen, sie, wenn nötig,
zu revidieren oder auch aufzugeben.
 
Versuche ständig,
deine jeweiligen hypothetischen Theorien
zu falsifizieren, denn nur so
ist der Fortschritt der Wissenschaften
denkbar und möglich."

Hans Albert
(b. 1921)
Deutscher Philosoph und Soziologe
Vertreter des Kritischen Rationalismus


„Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert
und damit für die Erfassung der Wirklichkeit
wertlos“
 
Aus: "Traktat über kritische Vernunft" (1968)
J.C.B. Mohr. 5. Auflage 1991. S. 36




"Hans Albert nimmt eine grundsätzliche Fehlbarkeit menschlicher Vernunft an.
Die Geschichte beweist, dass sich Menschen beim Bilden vor allem von Theorien,
die ja nicht bloße Tatsachenfeststellungen sind, täuschen können
.
 
Der Theologe Karl Heinz Weger [1932-1998] erinnert daran,
dass die Bildung von bestimmten Theorien von meist
einem grundlegenden
und als einsichtig betrachteten Satz ausgeht, auf dem alles andere aufgebaut ist.
Beispielhaft ist jener Satz aus Rene Descartes [1596-1650]
Meditationes
1:
"
Und ich will so lange weiter vordringen, bis ich irgendetwas Gewisses, ... erkenne ...
Nichts als einen festen und unbeweglichen Punkt verlangte Archimedes

[von Syrakus, 287-212 v. u. Z]
, um die ganze Erde von ihrer Stelle zu bewegen,
und so darf auch ich Großes hoffen, wenn ich nur das Geringste finde,
das sicher und unerschütterlich ist"
.
 
Eine derart als sicher angenommener Ausgangspunkt der Erkenntnis
wird im Kritischen Rationalismus bestritten. Er stammt aus der Erfahrung,
 
"dass unser Denken und Handeln der Irrtumsmöglichkeit unterworfen ist,
sodass derjenige, der ein echtes Interesse an der Wahrheit hat,
daran interessiert sein muss, die Schwächen und Schwierigkeiten
seiner Denkresultate und Problemlösungen kennen zu lernen,
Gegenargumente zu hören, um sie vergleichen,
modifizieren und revidieren zu können"
.
 
Das als ungenügend geltende, weil nicht durchzuführende
"Verifikationsprizip" ist abgelöst.
[...]
 
11641 in Paris zunächst lateinisch gedruckt: "Méditations sur la philosophie première, dans laquelle sont démontrées l’existence de Dieu et l’immortalité de l’âme",
so der Titel einer französischen Übersetzung von 1647 - „Meditationen über die Erste Philosophie, in der die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele bewiesen wird“,
deren 2. Auflage 1642 in Amsterdam mit geändertem Untertitel erschien, „denn ich kann nicht beweisen, dass Gott die Seele nicht vernichten könnte,
sondern nur, dass sie von völlig anderer Natur als der Körper ist und nicht mit dem Körper stirbt“

(Brief an Marin Mersenne [1588-1648] vom 24. Dezember 1640) :
"Méditations sur la philosophie première, dans laquelle sont démontrées l’existence de Dieu
et la distinction de l’âme et du corps" - „Meditationen über die Erste Philosophie, in der die Existenz Gottes und der Unterschied zwischen Seele und Körper bewiesen wird“. [Quelle:WIKI]


Der Kritische Rationalismus räumt auch ein, dass Beobachtungen, Experimente, Instrumente
für die Kontrolle und die Kritik theoretischer Konzepte wichtig sind. Doch zur Gewissheit führt auch das nicht.
Hinzu kommt,
dass es, wie schon David Hume [1711-1777] annahm,
keinen gültigen Schluss von noch so vielen Einzelbeobachtungen auf ein immer und überall gültiges Gesetz gibt.
Auch was tausendmal verifiziert wurde, kann beim tausendhundersten Mal falsch sein.
Nicht zuletzt aus diesem Grund wird Fallibilismus ["Die prinzipielle Fehlbarkeit aller Problemlösungen"] gefordert.
Es gibt keinen sicheren Ausgangspunkt, keinen archimedischen Punkt in unserer Erkenntnis.
So sind Theorien nie gewiss
. Sie müssen entweder behauptet oder aufgegeben werden.
 
Eine erste Möglichkeit, an der die Behauptung einer letztbegründeten Wahrheit scheitern wird,
ist der so genannte
infinite Regress [Endlosrekursion, unendlicher Regress]. Das bedeutet,
dass der Prozess der Begründung nie endet. Wir können für eine Begründung, auch eine,
die behauptet, eine Letztbegründung zu sein, stets auf weiteren Begründungen bestehen. Denn
die Begründung eines zu erklärenden Phänomens benötigt ihrerseits wieder eine Begründung.
 
Die zweite Möglichkeit, an der die Behauptung einer letztbegründeten Wahrheit scheitern wird, besteht im
Zirkelschluss
[logischer Zirkel, Circulus vitiosus]. Dies bedeutet, dass
eine Behauptung über ein Phänomen aufgestellt wird,
die in dem behaupteten Phänomen selbst schon enthalten ist
. Ein Beispiel: "Warum legen Hühner Eier?
Sie sind Hühner. Warum sind sie Hühner? Sie leben Eier."
 
Die letzte Möglichkeit, an der die Behauptung scheitert, ist der willkürliche Abbruch des Begründungsverfahrens [Rekurs auf ein Dogma].
Es wird einfach
behauptet, dass ein Phänomen mit der abgegebenen und hinreichend begründeten Behauptung erklärt sei - und Schluss.
Ein Beispiel: "Nehmen wir an, Sie behaupten: Verheiratete sollten sich niemals scheiden lassen können. Auf die entrüstete Gegenfrage,
warum das denn so sein müsse, antworten Sie, weil Jesus es so wollte und wir ihm folgen müssen. Warum?
Weil er Gottes eingeborener Sohn war und ist und alle Menschen den Anordnungen Gottes zu folgen haben."
Und um weitere Gegenfragen bereits im Keim zu ersticken, fügen Sie hinzu:
"Wer's glaubt, wird selig, alle anderen werden in die Hölle verdammt und damit Ende der Diskussion!"
 
Wollen Sie den
infiniten Regress und den logischen Zirkel vermeiden, wird anhand des erwähnten Scheidungsbeispiels deutlich,
dass der  [dogmatische]
Abbruch des Begründungsverfahrens eher gangbar ist und deshalb in der Praxis häufig angewandt wird.
[
sog. Münchhausen -Trilemma]
Er scheint sogar ein festes Fundament des sicheren Wissens zu bieten, solange Sie nur Ihre Behauptungen gut genug
gegen kritische Einwände immunisieren können.
 
Sie sichern Ihre Aussagen ab, indem Sie sie zu absolut gültigen Behauptungen erheben, an denen kein Zweifel möglich scheint
und gar nicht erst erlaubt sein soll. Aber letzten Endes muss bei dieser Strategie in Kauf genommen werden,
dass einem das vermeintlich sichere Fundament unter den Füßen weggezogen wird.
Denn dieser Abbruch der Begründungskette und die damit beabsichtigte Immunisierung gegen Kritik
ist nichts anderes als der Rekurs auf ein Dogma. Ein Dogma, das aufgestellt wird,
um den Behauptungen das Risiko des Scheiterns an möglichen Einwänden zu nehmen.
 
Hans Albert versucht, dem Anspruch der klassischen Erkenntnislehre auf Letztbegründung und damit jeglichem Dogmatismus zu entgehen.
Da es keine unfehlbaren Aussagen, Behauptungen, Sätze, Theorien geben kann, wird an die Stelle einer unfehlbaren Dogmatik die Hypothese gesetzt.
Unsere Aussagen über die Welt sind stets als vorläufige Setzungen, als Annahmen über die Vorgänge einer angenommenen realen Welt zu verstehen. Unsere Aussagen über die Welt sind Theorien, die so lange als gültig angesehen werden können, bis eine neue Theorie die Beschreibung der Welt verbessert.
 
Eine solche Theorie, die sich selbst als hypothetische Annahme auffasst, kann eine größere Erklärungskraft besitzen, die Welt umfassender
und genauer beschreiben und weniger Widersprüche und größere Übereinstimmung mit der realen Welt aufweisen.
Somit kann mithilfe einer umfassenden Prüfung der Aussagen über die Wahrheit unserer Erkenntnisse und unseres Wissens über die reale Welt
versucht werden, jede Theorie einer Erprobung zu unterziehen, sie scheitern oder sich bewähren zu lassen und somit der Wahrheit
vielleicht ein Stück näher zu kommen. Näher jedenfalls, als es dogmatischen Behauptungen möglich ist. Denn diese beanspruchen,
die absolute und einzige Wahrheit darzustellen.
 
Fallibilisten vertreten nicht die Meinung, wir irrten uns immer. Sie sagen,
dass wir uns immer irren können.
Fallibilisten brauchen auch keine Skeptiker zu sein, die annehmen, wir hätten stets Grund zum Zweifel an unseren Überzeugungen.
Die fallibilistische Position besagt nicht, dass es keine gerechtfertigten Überzeugungen gibt, sondern nur,
dass auch die beste Rechtfertigung
einen möglichen Irrtum nicht ausschließen kann
. Fallibilistische Positionen gehen auch nicht davon aus, dass unsere Überzeugungen
nie Wissen sein können, sondern dass wir nie sicher sein können, ob sie wahres Wissen sind."
 
Aus: Horst Herrmann: "Agnostizismus - Freies Denken für Dummies"  Seite 248-251. WILEY 2008
Siehe ZITATE: Horst Herrmann / Agnostizismus - Freies Denken >>>>
 
Siehe auch: Hans Albert (b.1921, deutscher Philosoph, Soziologe.): „Kritischer Rationalismus“ MOHR SIEBECK 2000,
„Traktat über kritische Vernunft“ 5.verbesserte und erweiterte Auflage 1991 (1968), stiller Nachdruck 2011 MOHR SIEBECK UTB




Verifizierung oder Verifikation (lat. veritas ‚Wahrheit‘, facere ‚machen‘) ist der Nachweis, dass ein vermuteter
oder behaupteter Sachverhalt wahr ist. Der Begriff wird unterschiedlich gebraucht, je nachdem, ob man sich bei der Wahrheitsfindung nur auf einen geführten Beweis stützen mag oder aber auch die in der Praxis leichter realisierbare bestätigende Überprüfung und Beglaubigung des Sachverhaltes durch Argumente einer unabhängigen Instanz als Verifizierung betrachtet. In der Wissenschaftstheorie versteht man unter der Verifizierung einer Hypothese den Nachweis, dass diese Hypothese richtig ist. Logischer Empirismus und Positivismus gehen davon aus, dass solche Nachweise führbar seien. Im Rahmen des kritischen Rationalismus (Karl Popper) wird argumentiert, dass es Verifikation nicht gibt.


Kritischen Rationalismus: Eine von Sir Karl Raimund Popper (1902-1994) begründete und in Deutschland vor allem von Hans Albert vertretene philosophische Denkrichtung, nach der Erkenntnis durch das Zusammenspiel von fantasievoller Kreativität und kritischem Hinterfragen ermöglicht wird. Der Kritische Rationalismus verwirft die Vorstellung, es gebe Verfahren, mit denen Wissen begründet werden kann und Vernunft zeichne sich durch den Gebrauch solcher Verfahren aus. Er schlägt vor, diese Ansicht in Wissenschaft, Politik und anderen Bereichen durch die Suche nach der Lösung für konkrete Probleme mittels Versuch und Irrtum zu ersetzen.

Falsifikation, Falsifizierung (lat. falisificare „als falsch erkennen“) oder Widerlegung, ist der Nachweis der Ungültigkeit einer Aussage, Methode, These, Hypothese oder Theorie. Aussagen oder experimentelle Ergebnisse, die Ungültigkeit nachweisen können, heißen „Falsifikatoren“. In der Wissenschaftstheorie nach Karl Popper nimmt die Falsifizierbarkeit einer Theorie oder Hypothese eine zentrale Rolle ein. Falsifizierte Aussagen, Thesen, Theorien sind für die Wissenschaft als Methode des Kenntnisgewinns wertlos und werden verworfen. Sinn haben sie nur mehr in der wissenschafts-geschichtlichen Betrachtung, um Lehren aus falschen Ansätzen zu ziehen.
Siehe auch ZITATE: Heinz von Foerster / Ständig entscheiden wir >>>>

Fallibilismus: "Die prinzipielle Fehlbarkeit aller Problemlösungen". Eine Neuere Grundsatzposition in der Erkenntnistheorie. Fallibilisten behaupten, dass es in einem bestimmten Erkenntnisbereich eine absolute Gewissheit geben kann, dass diese sich aber nicht sicher erkennen läst. Es lasse sich nie ausschließen, dass das, was wir als wahr akzeptiert haben, falsch sein könnte. Wir können uns immer irren. Rechtfertigungsstrategien mit dem Ziel, eine Letztbegründung zu erreichen, können nicht zum endgültigen Erfolg führen. Es bleibt uns nur, ständig unsere Überzeugungen auf Irrtümer hin zu prüfen und eventuell zu revidieren. "Als Konsequenz besteht die Aufgabe der Wissenschaft nicht im Nachweis der Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen (Verifikation), sondern in der Elimination von Irrtümern (Falsifikation)".
(Aus: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/fallibilismus.html)