Palliativmedizin

Palliativmedizin
(lat. pallium
= Mantel)
ist
die
Behandlung und Pflege von Patienten,
die
an einer nicht heilbaren Krankheit leiden!
|
Ich
wickle
den fürsorglich umsorgenden
therapeutischen Mantel
um den schutz- und hilflosen Kranken!1 |
1um
ihn vor nebenwirkungsträchtigen Therapien, vor
monomanen Betrachtungsweisen,
Strömungen und Einflüssen, auch aus der Umgebung, welche nur das Leiden
verlängern würden, zu schützen.
Angestrebt wird ein weitestgehend
beschwerdefreies, würdevolles Weiterleben bis zum Tod.
Daher
steht die
Linderung der Symptome im Fokus der Palliativmedizin.
Außer der Schmerzbehandlung umfasst die Palliativmedizin auch
chirurgische Hilfseingriffe,
Ernährungskonzepte und palliative Chemo- oder
Radiotherapie
und die begleitende psychologische Betreuung der Patienten
und ihrer Angehörigen.

Die Palliativmedizin und die moderne Hospizbewegung entstanden in den
1960er Jahren in England
und gehen wesentlich
auf Cicely Saunders (1918-2005), einer
englischen Ärztin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester, zurück.
Im
von ihr gegründeten St. Christopher' s - 1967 in Sydenham im Südosten
Londons eröffnet -
werden etwa 2.000 Patienten und ihre Angehörigen pro
Jahr betreut.
Die Pionierin der Österreichischen
Hospizbewegung
Schwester Hildegard Teuschl (1937-2009) kehrte 1987 tief
beeindruckt
vom Besuch eines britischen Sterbehospizes nach Wien
zu
ihrer Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis zurück,
und nur zwei
Jahre später organisierte sie mit ihren Helfern
das erste mobile
Hospizteam in Wien.
1993 wurde sie zur Mitbegründerin
des Dachverbandes
"Hospiz Österreich",
dessen Vorsitzende sie bis Ende 2007 war.

Sr.Hildegard Teuschl
(1937-2009)
"Reiche dem
Kranken die Wahrheit wie einen Mantel, in den er hineinschlüpft,
aus dem er aber auch selbst wieder herausschlüpfen kann, wenn es für
ihn passt.
Aber reibe ihm die Wahrheit nicht wie einen nassen Lappen ins Gesicht"
Max Frisch
(1911-1991)
Schweizer Schriftsteller, Architekt
Die Legende von Sankt Martin
Um das Jahr 338 war Martin als
Soldat in Amiens1
stationiert und zwar in der Reiterei der Kaiserlichen Garde.
Sie trugen Metallpanzer, Kammhelm, Schild, Schwert und über allem die
Chlamys, einen weißen Überwurf
aus zwei Teilen im oberen Bereich mit Schaffell gefüttert - "der
besagte Mantel".
[1Heute: ca. 115 km
nördlich von Paris gelegene Hauptstadt des französischen Departements Somme und der Region Picardie]
An einem Tag im Winter begegnete Martin am Stadttor von Amiens einem
armen, unbekleideten Mann.
Außer seinen Waffen und seinem Militärmantel – damals kaum mehr als
eine rechteckige Decke –
trug Martin nichts bei sich. In einer
barmherzigen Tat teilte er seinen Mantel mit dem Schwert
und gab eine
Hälfte dem Armen.
In der folgenden Nacht sei ihm dann im
Traum Christus erschienen, bekleidet mit dem halben Mantel,
den Martin
dem Bettler gegeben hatte.

Ein weiterer Pionier auf dem Gebiet der
Palliativmedizin ist der norwegische
Arzt Stein Husebö
(b.1944 bei Bergen, Norwegen).
Er sieht die Aufgaben der Palliativmedizin neben der Schmerzbehandlung,
auch im Führen von Gesprächen über Tod und Sterben.
Professor Husebö, ist der Leiter des ersten norwegischen Teams
für Schmerztherapie und Palliativmedizin
am Universitätskrankenhaus
Bergen. Seit 1984 ist er der leitende Redakteur der Skandinavischen
Zeitschrift für Palliativmedizin.
1988 gründete er die Skandinavische
Gesellschaft für Palliativmedizin und war ihr erster Präsident.
Des weiteren ist er Gründungsmitglied der Europäischen Gesellschaft
für Palliativmedizin.
Seit 1995 ist Professor Husebö Gastwissenschaftler
in Medizin und interdisziplinären Fachgebieten
in verschiedenen
europäischen Städten.

"Die vielleicht verblüffendste Beobachtung, die Palliativmediziner
machen,
ist der Umstand,
dass es einen Unterschied gibt
zwischen Symptom (Befund) und
Leiden (Befindlichkeit)."
Wie der Arzt Eric J. Cassell (b.1929, US-Internist, MD, MACP)
in seinem Buch
"Nature of Suffering and The Goals of
Medicine" (Oxford University Press 2003) ausführt,
kann
für manche Patienten bereits das eigene und das
ihnen entgegengebrachte Verständnis
- das Wissen darum, wo die
Ursache des Übels liegt,
die Möglichkeit,
seine Bedeutung in einem anderen Licht zu sehen,
oder
auch nur die Einsicht und Akzeptanz,
dass wir die Natur nicht immer im Griff haben können -
hinreichen, ihr Leiden in Grenzen zu halten.
Ein Arzt kann auch dann noch helfen, wenn die Medikamente versagen."
Aus: Atul Gawande (b.1965,
US-Chirurg, Philosoph, Ethiker): "Ein elendes Gefühl"
in „Die Schere im Bauch – Aufzeichnungen eines
Chirurgen“ GOLDMANN
2003
Lebensqualität
vor
nebenwirkungsträchtigen Therapiemaßnahmen!
Der Patient
mit seiner
Befindlichkeit
und geistig-seelischen
Gestimmtheit
ist wichtiger
als
der behandelbare Befund!
|
In der orthodoxen Medizin hat man
sich bisher mit den Grenzen der kurativen Medizin
(auf Heilung ausgerichtet) und den Kriterien, die diese Grenzen
aufzeigen, relativ wenig befasst.
Beendigung
einer kurativen Therapie
1.) Wenn die
Behandlung nutzlos ist.
Es besteht weder eine echte Chance auf Heilung, noch auf
Lebensverlängerung.
2.) Wenn der medizinische Aufwand in
keinem "realen" Verhältnis zum erwartbaren Erfolg steht.
3.) Wenn der Patient im Sterben liegt.
Der Tod steht unmittelbar und
unausweichlich bevor.

Besonders in der Palliativmedizin sollten wir uns immer die Frage
stellen,
ob das Ergebnis einer diagnostischen Intervention irgendeine
therapeutische Relevanz
für den Patienten hat und ob ihm die Therapie einen Benefit für die
Qualität seiner Lebenszeit bringt.
Sehr wesentlich für die Kommunikation mit dem Patienten und ihren
Angehörigen ist es,
auf Formulierungen wie „Wir können leider nichts mehr für Sie, für
Ihren Ehegatten usw. tun“1
oder „Sie sind austherapiert“1
dringlich zu verzichten.
1
Siehe Nozebo Effekt - "Ich werde schaden" - unter INFOS: Statistik Glossar & Allerlei
>>>>
Auch die „Unsitte“ mancher Onkologen, eine Chemotherapie als einzige
Option
bis zum Lebensende anzubieten, spricht für ein mangelndes
Einfühlungsvermögen
und eine Einengung des medizinischen Blickwinkels.
Der Praxisalltag im Hospiz beweist, wie viel Lebensqualität solche
„austherapierten“
Patienten allein auf Grund einer suffizienten Pflege und Begleitung
und Symptomorientierten
palliativen Therapie erhalten.
"Wenn wir nicht
mehr heilen können, dann können wir lindern.
Und wenn wir nicht lindern können, dann können wir trösten.
Und wenn wir nicht trösten können, dann sind wir immer noch da."
Stefan Einhorn (b.1955,
Molekular Onkologe, Karolinska Institut Stockholm):
„Die Kunst ein freundlicher Mensch zu sein“
HOFFMANN 2007

Sterbender Gallier - Kapitolinische Sammlung Rom
Hospiz
(franz. hospice : Gasthaus) war ursprünglich
eine kirchliche oder klösterliche
Verpflegungsanstalt
für
Bedürftige, Fremde oder Kranke (Entstehung des Begriffs Hospital).
Der Begriff ist außerdem im Alpenraum geläufig,
wo er ein Gasthaus und eine Unterkunft
für in Not geratene Bergwanderer
bezeichnet.
Diese Hospize finden sich auf oder in der Nähe der
Passhöhen von bedeutenden Alpenübergängen.
Heute wird der Begriff wesentlich weiter angewandt:
von Unterkunftsstätten
mit christlicher Hausordnung bis zu spezialisierten Krankenhäusern
(beispielsweise Hospiz für Palliativmedizin) und Einrichtungen
der Sozial- und Wohlfahrtspflege
(Betreuung krebskranker Kinder).
„Bald wirst Du jetzt zweiundachzig sein. Du bist um sechs Zentimeter
kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer
noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig
Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je.
Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage
ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme
Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag. Ich muss Dir
unbedingt diese einfachen Dinge noch einmal sagen, bevor ich auf die
Fragen eingehe, die mich seit kurzem quälen. Warum nur bist Du in
all dem, was ich geschrieben habe, so wenig präsent, während doch
unsere Verbindung das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist? [...]
Ich muss die Geschichte unserer Liebe rekonstruieren, um sie in
ihrem ganzen Sinn zu erfassen. Denn sie hat es uns ermöglicht, zu
werden, was wir sind, durch einander für einander. Ich schreibe Dir,
um zu verstehen, was ich erlebt habe, was wir zusammen erlebt
haben.“
Aus: „Brief
an D. Geschichte einer Liebe“ (Lettre
a’ D. Histoire d’un amour 2006) btb 2. Auflage 2009
Andre Gorz
(1923-2007 Freitod mit Gattin Dorine,
österreichisch jüdisch frz. Schriftsteller, Philosoph)
|
Die Hospizbewegung hat sich zum Ziel gesetzt, unheilbar Kranken in
ihrer letzten Lebensphase
und beim Sterben eine menschenwürdige
Umgebung und Betreuung zu schaffen.
Träger dieser Häuser
der Sterbensbegleitung sind sowohl Kirchen, gemeinnützige
Organisationen
und Kommunen oder Bundesländer.
"Nicht nur für Deutschland, sondern für nahezu alle industrialisierten
Regionen der Welt gilt:
Die Professionalisierung des Umgangs mit Krankheit, Leiden und Sterben
hat dazu beigetragen,
dass der Tod aus unserer Alltagserfahrung verschwunden ist.
Nach der Definition des amerikanischen Soziologen Robert King Merton
[1910-1913, "Selbsterfüllende
Prophezeiung"] ist
die Medizin eine Institution, von der Gesellschaft
geschaffen, im ihre Mitglieder von der
Beunruhigung durch Krankheit und Sterben zu entlasten. Sie verbirgt
den Anblick des Sterbenden
hinter ihren Mauern und gibt die Beschäftigung mit dem Problem an
Experten ab,
die ihrerseits Mittel und Wege finden, sich das Thema vom Leibe zu
halten:
"Das Entsetzen darüber, dass ein Mensch sich im Sterben in einen
bloßen Körper verwandelt,
kann ferngehalten werden, wenn man sich von Anfang an nur für den
Körper interessiert",
merkt der schwedische Psychiater Per Christian Jersild [b.1935, "Das
Haus zu Babel" Hinstorff 1980]
an... Mittlerweile hat man den Einsatz medizinischer Intensivmaßnahmen
sowohl auf chronisch kranke
Menschen ausgeweitet als auch auf Menschen, die an den Grenzen ihres
Leben angekommen sind.
Kaum jemand stirbt ohne Infusion oder künstliche Ernährung...
Einfach so zu sterben ist nicht mehr
vorgesehen.
Der Tod wird, wie so vieles, "hergestellt". Noch vor wenigen
Jahrzehnten wäre kaum jemand
auf die Idee gekommen, den Rettungswagen zu rufen, wenn die Großmutter
über Tage hinweg stiller wurde,
weniger Appetit hatte und oft auch ahnte, dass es "zu Ende" ging. Kaum
einer würde es heute wagen, solche Signale
als Beginn eines Sterbens zu deuten. Nur noch in den wenigsten
Familien leben mehrere Generationen zusammen
und können so Erfahrungen mit Altern, Sterben und Tod machen...
In der Frage, wann Leben endet und Sterben
beginnt, verlassen wir uns seit langem auf medizinische Definitionen;
in der Frage wie wir mit den Toten umgehen,
rücken ökonomische Aspekte in den Vordergrund.
Was wir erleben, ist eine Enteignung: Technik, Konventionen
und Standards regieren dort, wo wir nicht (mehr) steuern und gestalten
können und wollen. Die modernen,
westlichen Gesellschaften tun so, als müssten - als könnten! - sie Tod
und (individuelles) Leid
aus der Welt schaffen...
Innerhalb nur einer Generation ist der reale Tod aus unserer
Alltagserfahrung
verschwunden. Die meisten Jugendlichen haben zwar schon Tausende
sterben sehen - allerdings nur auf
der Leinwand. Einen echten toten Körper haben die wenigsten schon
einmal gesehen. Die Großmutter
stirbt im Pflegeheim oder in der Klinik. Sie wird vom Bestatter
abgeholt, der uns manchmal Gelegenheit gibt,
sie vor der Einäscherung noch einmal zu sehen.
So sehr wir im Leben auf
Individualität Wert legen, so selten fordern
wir als Angehörige im Umgang mit "unseren" Toten, mit unserer Trauer,
dieses Recht ein.
Die Ausgrenzung des
Sterbens aus der Alltagserfahrung, die Auslagerung und Enteignung des
Todes findet im Umgang mit den Toten
einen nahtlosen Anschluss.""
Aus: Fritz Roth: „Das
letzte Hemd ist bunt: Die neue Freiheit in der Sterbekultur“
Kapitel 1: Der fremde Tod: "Outsourcing"
(Ausgliederung) des Sterbens. Seite 20f. Campus Verlag
2011

"Wenn
wir bedenken, wie lange wir tot waren, ehe wir geboren wurden,
ohne dass es uns gesundheitlich etwas geschadet hat,
müssen wir die Angst vor dem Tode verlieren. [...]
Und nachdem wir nun keine Angst vorm Sterben mehr haben,
wollen wir noch ein bisschen leben. [...]
Wer mit Humor zu sterben verstünde,
hätte die
höchste Stufe der Kultur erreicht"
Curt Goetz
(1888-1960)
Dtsch-schweizerischer
Schriftsteller
„Dr.med.
Hiob Prätorius – Facharzt für Chirurgie und
Frauenleiden (1934)"
Aus: Zweites Bild: Prätorius, Seite 35, 46, 52. RECLAM
2004
„Viele Menschen, auch (und gerade) hochgebildete und blitzgescheite,
verhalten sich im Angesicht des Todes auf erstaunliche Weise
irrational.
Das gilt für Sterbende und ihre Angehörigen, was vielleicht weniger
verwunderlich ist.
Es gilt aber genauso für professionell Beteiligte wie insbesondere
Ärzte...
Was ist die Ursache solch irrationalen Verhaltens?
Die Antwort lautet fast immer: ANGST.
"Angst" ist die unausgesprochene Überschrift über viele hitzig
geführte Debatten über das Lebensende;
sie ist das, was bei Arzt-Patienten-Gesprächen über
lebensbedrohliche Erkrankungen unausgesprochen im Raum steht
und so oft geflissentlich übersehen wird; sie ist das größte
Hindernis für die Kommunikation über und im Sterben;
und sie ist (gemeinsam mit der verbesserungswürdigen ärztlichen
Fachkompetenz am Lebensende)
der Hauptgrund für Fehlentscheidungen und leidvolle Sterbeverläufe.
Trotz der Fülle an Literatur zum Thema ist immer noch eine
Tabuisierung
des Todes in unserer Gesellschaft zu beobachten,
die zum einen mit der grundsätzlichen Angst vor der Auslöschung
des eigenen Ichs beim Sterben zusammenhängt.
Hinzu kommt aber die konkrete, weit verbreitete Angst vor einem
qualvollen Sterbeverlauf
und auch die Angst vor dem Ausgeliefertsein an
lebensverlängernde medizintechnische Maßnahmen,
die - ohne dass man selbst die Chance zum Eingreifen hätte - den
Sterbeprozess unnötig in die Länge ziehen...
Die sehr konkreten Ängste vieler Menschen vor Leiden und
Kontrollverlust führen paradoxerweise
in einer Art "self-fulfilling prophecy" (sich selbst erfüllender
Voraussage) dazu, dass die Befürchtungen der Menschen
in dem Maße eintreten, in dem sie ihren Ängsten erlauben, die
Kontrolle über ihr eigenes Handeln zu übernehmen.
Denn Angst verzerrt die Wahrnehmung, vermeidet die
Information und verhindert den Dialog.
Diese drei Voraussetzungen sind aber zentral für eine gute
Vorbereitung auf das eigene Lebensende.
Und die Menschen, die wir am Lebensende betreuen dürfen, lehren uns,
dass die Vorbereitung auf das Sterben die beste Vorbereitung für das
Leben ist...
Aus: Gian
Domenico Borasio (b.1962, Palliativmediziner): „Über das
Sterben. Was wir wissen, was wir tun können,
wie wir uns darauf einstellen“ Vorwort Seite 9f. 2.Auflage BECK 2012
geflissentlich:
scheinbar absichtslos, in Wahrheit jedoch ganz bewusst (aus Duden
online); Tabu, Tabuisierung: eine Handlung oder
Verhaltensweise,
die durch Sitte verboten ist (aus Wiki); ein überliefertes oder aus
religiösen Vorstellungen stammendes Verbot oder eine
Meidungsvorschrift. (aus Wissen.de)
|
Thanatologie: (gr. thánatos = Tod und -logie = Wissenschaft)
Die Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und der Bestattung.
Als erster Thanatologe gilt der französische Soziologe und Ethnologe
Robert Hertz
(1881-1915)
mit seiner
"Studie zur kollektiven
Repräsentation des Todes"
(1907).
(Contribution à une étude sur
la représentation collective de la mort, Heft 10 der Année
sociologique).
"Wir haben
als einzige Spezies ein eingebautes Problem.
Unser bewusstes Selbstmodell besitzt einen räumlich kodierten Teil,
das KÖRPERBILD,
und einen außersinnlichen, das DENKEN. Zudem beherrscht uns ein tief
in unser Selbstmodell
eingebrannter BIOLOGISCHER IMPERATIV: Du darfst nicht sterben, du
musst überleben.
Und unser KOGNITIVES SELBSTMODELL sagt uns: Der größte anzunehmende
Unfall wird kommen,
schließlich weiß jeder, dass er sterben wird. Das ist der
existentielle Riss im Selbstmodell.
Niemand von uns ist gefragt worden, ob er existieren will, mit diesem
Gehirn, mit dieser Form von Bewusstsein.
Und am Ende werden wir auch nicht gefragt werden, ob wir bereit sind
zu gehen. Wir sind die ersten Lebewesen,
die das bewusst erleben. Das bedeutet eine schwere Bürde... Gibt es unendlichen Frieden für alle, die auf der Erde
gelebt haben,
für Menschen, für Tiere?
Oder ist jetzt alles aus?... Wir haben keine endgültige Antwort auf
diese Frage.
Wir sollten nicht einfach den Glauben bemühen... Da
niemand etwas weiß, lasse auch ich mich überraschen!...
Agnostiker
sagen: Es ist unangemessen, unvernünftig und falsch, etwas zu
fürchten, solange wir nicht wissen,
ob es uns schadet oder nützt...
Es
ist daher Unsinn, den Tod als Endzustand zu fürchten.
Religion hält
hier nicht nur Tröstungen bereit, sondern auch massive
Einschüchterungen.
Die Geschichte von Teufel, Hölle, Fegfeuer spricht
für sich: Hunderte von Millionen gläubiger Menschen
sind verschreckt
und bis in den Tod geängstigt worden,
eine der Todsünden der Kirche."
Mit freundlicher
Erlaubnis von Prof. em. Dr. Horst Herrmann (e-mail vom 17.2.2011):
„Agnostizismus
- Freies Denken für Dummies“
S.140ff, Wiley-VCH VERLAG 1.Auflage 2008

"Niemand weiß, was der Tod in Wirklichkeit ist,
noch ob er für den Menschen nicht der größte aller Segen ist.
Dennoch fürchten die Menschen den Tod,
als wäre er das größte aller Übel"
Sokrates
469-399 v.u.Z
Danach
Du bist nicht da.
Ich,
ein Bach ohne Wasser,
ein Bein ohne Mark,
eine Kerze ohne Docht,
eine Nacht ohne Stern.
Du bist nicht da.
Ich
schreie nach Deinem Lächeln,
nach der Melodie Deiner Stimme,
nach der Berührung Deiner Finger.
Du bist nicht da.
Ich?
Prof. Dr.
Dieter Strecker
(b. 1944 Düsseldorf)
Schriftsteller, Wissenschaftler, Therapeut
|
In den 1950er und 1960er Jahren öffneten Soziologen den Weg zu einer
sozialpsychologischen Betrachtungsweise des Todesphänomens. Sie
schufen mit der Erforschung soziologischer Aspekte des Todes
Grundlagen zur Erstellung von Betreuungs- und Therapieprogrammen, die
bei der Bewältigung von Verlust durch Tod hilfreich sein würden.
Besonders das Buch
„Tod und Sterben“ (1969) der in der Schweiz
geborenen Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1926 - 2004) leistete Aufklärungsarbeit und verschaffte dem Thema
Todesbewältigung in der modernen Gesellschaft eine breite
Öffentlichkeit.
Elisabeth
Kübler-Ross ermittelte in ihren Interviews mit "sterbenskranken"
Krebspatienten 5- Phasen der Einstellung gegenüber der Krankheit
und definierte die heute anerkannten
5-Phasen des Sterbens:
1) "Verleugnung"
- Nicht wahrhaben wollen und Isolierung - Wenn die Diagnose
feststeht, wird die Krankheit vom
Patienten geleugnet. Der Patient will sein Schicksal nicht wahrhaben,
weicht aus und hofft auf einen Irrtum.
2) "Wut" - Zorn -
Ärger - Warum gerade ich? Der
Patient verspürt Neid auf die Weiterlebenden. Das führt zu
unkontrollierbaren Wutausbrüchen auf alle, die nicht an seiner
Krankheit leiden.
3) "Feilschen" -
Verhandeln
- Der Kranke feilscht um einen Aufschub. Er glaubt und hofft durch „Kooperation“ auf Belohnung, etwa eine
längere Lebensspanne und Freiheit von Schmerzen.
4) "Depression" -
Verzweiflung und Verlust. Der Kranke sieht ein, dass er seinem
Schicksal nicht entrinnen kann. Er verliert seinen Mut, doch mit der
Zeit lernt er, seinen Tod zu akzeptieren, ihm gelassener
entgegenzusehen.
5) "Versöhnung mit dem
Schicksal"
- Zustimmung - Der Kranke gewinnt wieder Selbstvertrauen und
wird fähig, dem Leben, das ihm noch bleibt, etwas abzugewinnen. Der Kampf ist vorbei, der
seelische Schmerz vergangen und der
Patient will von den Problemen der Außenwelt in Ruhe gelassen werden.
Diese fünf Phasen lösen einander ab,
können aber auch nebeneinander existieren.
Allen Phasen ist gemeinsam, dass sie sich mit
Hoffnung
beschäftigen und dass es ein Fehler
wäre,
dem Sterbenden die Hoffnung zu nehmen. "Hoffnung
ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die
Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht!"
(Vaclav Havel b.1936, tschechischer
Schriftsteller u. Politiker)
Die Quintessenz aus den Erfahrungen, die Elisabeth Kübler Ross in
ihrem unermüdlichen Umgang mit Sterbenden gesammelt hat, lautet,
"dass der Tod nicht eine katastrophale,
destruktive Angelegenheit sein muss.
Vielmehr kann man ihn als einen der konstruktivsten, positivsten und
kreativsten Bestandteile der Kultur
und des Lebens ansehen."
[E.K.Ross:
„Reif werden zum Tode - Es kommt auf die Intensität des Lebens an“
KNAUR 2004 (1976)]
"Beim
Sterben laufen ebenfalls biologische Programme ab [wie bei
Schwangerschaft und Geburt],
die wir allerdings erst allmählich beginnen, zu verstehen bzw.
wiederzuentdecken. Es ist bezeichnend,
dass in der internationalen Klassifizierung der Diagnosen (ICD-10)
der natürliche Tod nicht vorkommt.
Wenn ein Mensch stirbt, muss dies offensichtlich Folge irgendeiner
Krankheit sein.
Der Tod aus "Altersschwäche", wie es früher hieß, ist in der
modernen Medizin gar nicht mehr vorgesehen.
Kein Wunder, dass
Ärzte sich bemüßigt fühlen, permanent in die Sterbevorgänge ihrer
Patienten einzugreifen:
Sie wissen nicht - und haben es in ihrer Ausbildung nie gelernt -,
dass es so etwas wie einen natürlichen Sterbeprozess gibt,
den man vorbereiten, erkennen und begleiten kann,
vor allem aber nicht unnötig stören sollte."
Aus: Gian
Domenico Borasio (b.1962, Palliativmediziner): „Über das
Sterben. Was wir wissen, was wir tun können,
wie wir uns darauf einstellen“ 1.Was wissen wir über das Sterben?
Sterben Seite 25.
BECK 2012
2. Auflage
"Die
größte Tragödie
ist nicht ein schmerzvoller Tod,
sondern Verlassensein".
Mutter
Teresa
(1910-1997)
indische rk-Ordensschwester
|
"Das Positive am Tod scheint zu bestehen, dass er das Leben zu etwas
Einmaligem macht.
Nur wer sich bewusst ist, dass sein Leben einmal ein Ende hat, kann
wirklich intensiv leben.
Früher glaubten
viel mehr Menschen an ein Weiterleben nach dem Tod. Die Religion bot
eine positive Möglichkeit den Gedanken an einen endgültigen Tod zu
verdrängen: Schmerz, Leid und Entbehrungen konnten ertragen werden
durch den Glauben an eine ausgleichende Belohnung im Jenseits.
Besonders ausgeprägt findet sich diese Haltung bei Menschen mit einer
gesetzlichen Religiosität. Sie halten sich peinlich genau an die
verschiedenen Gebote und Verbote, um dafür im "ewigen Leben" belohnt
zu werden.
Nach Untersuchungen von Ronald
Grossarth Maticek [b.1940, Medizinsoziologe] gehören die
gesetzlich-religiösen Menschen zu jenen, die am häufigsten an Krebs
erkranken. An zweiter Stelle folgen die gesetzlichen Atheisten,
das heißt jene, die eine Existenz Gottes ausschließen. Die toleranten
Atheisten, die eine Existenz Gottes für möglich halten, werden am
dritthäufigsten krebskrank. Am wenigsten Krebs bekommen die Personen
mit einer "spontanen" Religiosität1.
Solchen Menschen bedeutet Gott in erster Linie "Freude" und
"Selbsterkenntnis", sie können ihre Religiosität mit ihren anderen
Einsichten und Wünschen vereinbaren und empfinden beim Gebet auch
körperlich ein Gefühl der Befreiung. Wahrscheinlich können sich die
Spontanreligiösen und die toleranten Atheisten auch am ehesten
mit dem Gedanken an den endgültigen Tod abfinden.
Eine zweite
Studie, die Grossarth Maticek über den Zusammenhang zwischen Religion
und Krebskrankheit durchführte, brachte ein äußerst interessantes
Ergebnis.
Der Forscher verglich eine Gruppe
334 Krebspatienten mit einer Kontrollgruppe von Patienten, die
an anderen, leichteren Krankheiten litten. Beide Gruppen wurden über
ihre religiöse Einstellung befragt. Von den Krebspatienten waren 210
gesetzlich-religiös, 58 strenge Atheisten, 14 tolerante Atheisten und
52 spontanreligiös.
Bei den
Krebspatienten war der Anteil der Gesetzlich-Religiösen größer und
jener der Spontanreligiösen kleiner als in der Kontrollgruppe. Die
Atheisten in der Kontrollgruppe schlossen die Existenz Gottes weniger
häufig aus als die Atheisten in der Gruppe der Krebspatienten. Soweit
stimmte das Ergebnis mit dem der ersten Studie überein.
Bemerkenswert ist jedoch, dass in der Krebsgruppe der Anteil der
spontanreligiösen - die nach der ersten Studie am wenigsten häufig
krebskrank werden sollten - größer war als jener der toleranten
Atheisten und nur wenig kleiner als jener der strengen Atheisten.
Eine genauere Befragung
ergab, dass von den 52 Spontanreligiösen in der Krebsgruppe nur gerade
6 diese Einstellung schon vor dem Ausbruch der Krankheit gehabt
hatten.
Die Einstellung der
übrigen 46 hatte sich also durch die Krebsdiagnose geändert, und das
schien auch einen positiven Einfluss auf ihre Überlebenschancen zu
haben.
Grossarth Maticek: "Auf dem Stand
der bisherigen Auswertungen deutet sich auch ein Zusammenhang zwischen
langer Lebensdauer nach der ersten Diagnosestellung und der spontanen
Religiosität2."
Spontane
Religiosität ist im Grunde nichts anderes als die Fähigkeit, mit sich
selbst und mit seiner Umwelt in Harmonie zu leben. Es ist eine
Lebensweisheit, die nicht an irgendeine religiöse Lehre gebunden ist,
sondern ihre Kraft aus dem Unterbewussten schöpft.
Der Gedanke an den Tod kann sowohl Furcht als auch Geborgenheit
hervorrufen: Furcht vor dem Sturz ins bodenlose Nichts oder
Geborgenheit im alles, das uns erwartet. Im Grunde genommen sind das
Nichts und das Alles dasselbe.
Nur unsere Gefühle gegenüber dem
Unvorstellbaren machen den Unterschied aus. Die Geborgenheit
angesichts des Todes, das Gefühl, sich um das, was nachher folgt,
keine Sorgen machen zu müssen, scheint mir die wichtigste
Voraussetzung zu sein, um den Krebs erfolgreich entgegenzutreten."1.2.
Zum
guten Umgang mit Sterbenden gehört,
sie nicht allein zu lassen,
auch wenn sie bewusstlos sind,
sie zu berühren und mit ihnen
zu sprechen,
sie freizugeben,
ohne freilich den Schmerz
über den Verlust zu unterdrücken.
Zum guten
Umgang mit Sterbenden gehört,
dass sie ohne Schmerzen sterben dürfen.
Es ist erwiesen: Sie können nicht abhängig
(süchtig) werden, selbst wenn das Wunder
einer Heilung geschieht.
Beharren Sie darauf und ziehen Sie
ohne Skrupel einen zweiten Experten
zu
Rate,
wenn der erste sich weigert,
die Dosis für den sterbenden Menschen
zu erhöhen.
Zum
guten Umgang mit Sterbenden gehört,
dass man ihnen die Wahrheit sagt,
wenn sie diese hören wollen.
Jeder braucht Zeit für den Abschied.
Wenn dann (auch Ärzte können irren)
das Leben wider Erwarten den Sieg
über den Tod erringt
- umso besser.
Zum
guten Umgang mit Sterbenden gehört,
auf ihren Hunger zu achten,
den Hunger nach Fisch und Brot und
nach Bier,
den Hunger nach Sauberkeit und einem lichten Zimmer,
den Hunger nach Ruhe genauso wie den
Hunger nach letzten Gesprächen,
den Hunger nach Berührungen und den
Hunger nach Liebe.
Zum guten
Umgang mit Sterbenden gehört,
die Hoffnung nicht aufzugeben.
Zum guten
Umgang mit Sterbenden gehört,
sich selbst mit seinem Leben,
seinem Sterben,
seinen Wünschen
auseinanderzusetzen.
Zum guten
Umgang mit Sterbenden gehört,
ihre Angst ernst zunehmen
und sie nicht alleine zu lassen.
Prof. Dr. Dieter
Strecker
(b. 1944 Düsseldorf)
Schriftsteller, Wissenschaftler,
Therapeut.
Nach dem Studium der evangelischen Theologie in Marburg, Tübingen
und New York
promovierte er 1973 über "Religion und Metaphysik im Leben und
Denken Eduard Sprangers (1882-1963)"
an der Universität Tübingen im Bereich Pädagogik. Als
Wissenschaftler beschäftigte sich Dr. Dieter Strecker
als international anerkannter Experte mit der Frage, warum Menschen
verunglücken.
|
Trauerarbeit meint den gesamten Prozess der Trauer, mit dem sich die Angehörigen
aktiv auseinander setzen müssen. Der erste Schritt in der
Trauerarbeit ist, den Tod des nahe stehenden Menschen zu realisieren.
Bei diesem ersten Schritt will die Praxis für Thanatologie und
Trauerarbeit helfen, indem sie den Abschied von der verstorbenen
Person fachkundig vorbereitet und begleitet, um so die darauf
folgenden Schritte der Trauerarbeit zu initialisieren.
Der Begriff Trauer
bezeichnet zweierlei:
1) einen
emotionalen Zustand
- ein Gefühl der
Niedergeschlagenheit, eines Mangels an Lebensfreude, kurzfristig oder
länger andauernd, oder eines seelischen Rückzugs, einer starken
Kränkung usw.
2) einen
Prozess bei der Bewältigung von Krankheit, des
Sterbens und insbesondere nach dem Tod eines geliebten Menschen, aber
auch bei einem sonstigen schweren Verlust.
Unter Trauer verstehen wir meistens diejenigen psychischen und
physischen Reaktionen, die nach dem Verlust eines nahe stehenden
Menschen durch dessen Tod auftreten können. Trauer ist ein wichtiger
Teil des menschlichen Lebens. Trauer ist die natürliche Reaktion, wenn
wir einen Verlust erleben (Mitmenschen, Freiheit, Heimat, Zuhause,
Körperfunktion, Umzug, Schulwechsel, Arbeitsstelle ect.). Es muss also
keineswegs jemand sterben, damit Verlust und Trauer in unserem Leben
existent werden und zu einer längeren Lebenskrise führen.
Bei einer ernsten, nicht heilbaren Erkrankung treten Verlust
und Trauer lange vor dem Tod auf.
Ausgelöst werden sie durch Verlust einer Körperfunktion oder Auftreten
von Abhängigkeit von anderen.
Die Reaktion auf die Verluste ist individuell. Sie wird davon
abhängen, welche Bedeutung der einzelne diesen Verlusten und dem Leben
beimisst.
Typische "normale" Trauersymptome sind - sofern keine
anderen Ursachen vorliegen:
Angst und Depression, Einsamkeit, Isolation, Verhaltensänderungen
im Alltag, im Umgang mit anderen Menschen, Apathie, Weinattacken,
spontane Aufräumaktionen, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Schuldgefühle,
Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht nach dem Vermissten,
Konzentrationsschwächen, Selbstbeschuldigungen;
Psychophysiologisch somatische Symptome: Appetitlosigkeit, Kraft-,
Gewicht- und Energieverlust, Schlafstörungen Leeregefühle im Magen,
Brustbeklemmungen, Gefühle von zugeschnürt sein der Kehle,
Überempfindlichkeit gegen Lärm, das Gefühl neben sich zu stehen,
Atemlosigkeit und Kurzatmigkeit, Muskelschwäche, Mundtrockenheit usw.
Trauer ist keine Krankheit. Wenn sie aber verdrängt wird, kann
sie krank machen.
Da Trauer ein schmerzhafter psychischer Vorgang ist, der ein aktives
Handeln der Trauernden erfordert, sind Beruhigungsmittel über einen
längeren Zeitraum oft nicht hilfreich. Eine gut gemeinte
Medikalisierung bei den häufigsten Trauersymptomen wie Angstzuständen,
Unruhe und Schlafstörungen, kann, je nach Medikament,
nach Absetzen des Mittels gegebenenfalls die Symptome verstärken,
gegen die es eingesetzt war.
Zudem kann ein ruhig gestellter Trauernder seine Trauer nicht
tiefgründig erleben und verarbeiten.
Ihm wird dadurch eventuell die Chance genommen, zum Ende der Trauer zu
gelangen.
"Vor
nicht zu allzu langer Zeit lag in unseren Wäscheschränken das
Totenhemd obenauf. Die Botschaft war klar: Mensch, bedenke, dass Du
sterblich bist - memento mori... Der
Tod ist uns zum Feind geworden, den wir aus dem Leben verdrängen.
Wir
begreifen Altern und Sterben als medizinisch-technische
Herausforderung, die es möglichst lange hinauszuzögern gilt. Aus der Alltagserfahrung haben wir die Schnittstellen zwischen Leben und Tod
in abgesonderte Räume und Institutionen verlagert. Dort wird gekämpft,
versorgt und verloren. Gestorben wird im Krankenhaus, Hospiz oder
Pflegeheim. Was bleibt, ist ein kurzer und kalter Abschied: Ein
letzter Blick in die gekachelten Räume von Kliniken. Viele Menschen
kennen den Tod nur noch aus dem Fernsehen. Dort wird jeden Abend
reihenweise gestorben, und es hat nichts mit uns zu tun. Wir wissen
weniger denn je, was Sterben und Tod - für uns - bedeuten. Vom
richtigen, echten Tod können wir uns kaum noch eine Vorstellung
machen. Wir haben verlernt, dass Tod und Trauer, Leiden und Sterben
zum Leben dazu gehören. Diese Ausgrenzung des Todes setzt sich in der
Verbergung der Toten fort. Die häusliche Aufbahrung ist selten
geworden, bestattet wird heute bevorzugt "im kleinen Kreis", und so
preiswert, wie es eben geht.
Wir verweigern uns damit einer realen und persönlichen, einer
sinnlichen Erfahrung des Abschiednehmens, die am Anfang eines
Trauerprozesses steht. Trauer gilt weniger denn je als gesunder,
notwendiger und auszulebender Prozess."
Aus: Fritz Roth: „Das
letzte Hemd ist bunt: Die neue Freiheit in der Sterbekultur“ Vorwort
Seite 11.
Teil IV. "Fazit - Der Tod gehört ins Leben" Seite 175. Campus Verlag
2011
|
"Ich habe keine Angst vor dem Tod,
ich möchte nur nicht dabei sein,
wenn' s passiert."
Woody Allen
(b.1935)
US-amerikanischer Komiker, Filmregisseur,
Autor, Schauspieler und Musiker
Die
Trauerarbeit - Der "Trauerprozess" verläuft in Phasen:
Auf Schock, Erstarrung und ein "Wie betäubt sein" folgt
eine Phase, in der das Leid
in Vorwurf,
Verzweiflung oder
Schmerz
ausgedrückt wird. Der Verstorbene wird schmerzlich vermisst.
An diese
Phase der Desorganisiertheit schließt sich
der
Abschied mit dem
Bewusstwerden der Konsequenzen des Verlustes.
Schließlich kommt es
zu Neuorientierung, Überschauen der
Möglichkeiten und Reorganisation.
Diese Phasen der Trauer und Trauerarbeit werden in unterschiedlicher
Intensität und nicht immer in dieser Reihenfolge durchlebt. Einzelne
Phasen können fehlen oder mehrfach auftauchen.
Die
Intensität kann von Tag zu Tag schwanken, ja sogar innerhalb eines
Tages unterschiedlich sein.
Wenn der Verlust "unerwartet" entsteht (z.B.: tödlicher Autounfall,
Alpinunfall, Selbstmord ect.), ist die akute
Trauer-Belastung meistens größer und von längerer Dauer, als wenn
Vorbereitung auf den nahenden Tod
( z.B.: chronisch Kranker) möglich war.
Nach ungefähr einem Jahr erscheint vielen Trauernden der Verlust nicht
mehr ganz so schlimm wie zu Beginn.
Doch Trauer ist ein sehr individueller Prozess, demzufolge jeder
seinen ganz eigenen Zeitraum der Trauerverarbeitung hat.
Gibt es eine pathologische (krankhafte) Trauer, wo wir spezielle Hilfe
und Unterstützung anbieten sollten?
Thomas C. Welu (1975) gibt 7-Merkmale der pathologischen
Trauer an:
1.) selbst zerstörerisches Verhalten (Suizidversuche, Alkohol,
Medikamente)
2.) Selbstmordgedanken
3.) psychische Probleme
4.) soziale Isolation
5.) schwere Depression
6.) stationäre Aufnahme in die Psychiatrie
7.) Einnahme von Psychopharmaka
Grundsätzlich wird es schwierig zu entscheiden sein, ab wann man von
einer pathologischen Trauerreaktion sprechen sollte, da einige der
erwähnten Reaktionen in einigen Kulturkreisen als normal angesehen
werden.
Es ist daher ein individuelles und einfühlsames Vorgehen notwendig.
|
Wir Menschen
sind gemeinhin in einen nicht endenden Kampf
gegen alles verstrickt, was nicht bleibt.
Weil
das ein aussichtsloser Kampf ist,
sind wir voller Ängste.
Wir suchen Sicherheit
bei anderen Menschen und in der Geldanlage.
Wir suchen Sicherheit in unserer Arbeit
und meinen,
wir müssten etwas Großes zurücklassen,
wenn wir einmal sterben.
Wir suchen auch nach Sicherheit
in einer falschen Frömmigkeit.
Wir
glauben, es gäbe einen Gott,
der uns am Ende doch für dieses kleine Ich
Permanenz und Ewigkeit garantiert.
Dieses Ich
- so lächerlich wir es manchmal finden -
möchte leben.
Die Mystik dagegen sagt:
„Stirb
und werde!“
Aus:
„In jedem Jetzt ist Ewigkeit – Worte
für alle Tage“
herausgegeben von
Christoph Quarch
KÖSEL VERLAG 2003
von
Willigis Jäger
OSB /
Ko-un Rōshi
[Ordo Sancti Benedicti, Benedikt von Nursia (480- 547 n.Chr.)]
geboren am 7. März
1925
in Hösbach
Deutscher Benediktinermönch und Zen-Meister
(Roshi, Zen-Buddhismus – „Zustand meditativer Versenkung“)
der Sanbo-Kyodan-Linie („Drei Schätze" - Grundprinzipien im
Buddhismus:
Buddha, Dharma und Sangha). |
Siehe auch ZITATE:
Eine Geschichte aus dem alten China - Der alte Mann und sein Pferd
>>>>
Laotse / Es gibt einen Geist, der bestand >>>>
Alles ist nur Übergang >>>>
James Hillman / Vom Gehen zu dem, was bleibt >>>>
Erwin Schrödinger / Denn das, was ist >>>>
Elisabeth Kübler-Ross / Wenn die Zeit reif ist
>>>>
Ein Kind – was ist das? >>>>
Paracelsus / Der Mensch ist das Buch >>>>
Meister Eckhart / Die Menschen sollen
>>>>
Carl du Prel / Der Mensch als Doppelwesen
>>>> Antoine de Saint-Exupéry / Man sieht nur mit dem Herzen
>>>> Volker Fintelmann /
Lüge und Illusion >>>>
Frederic Chopin / In mir klingt ein Lied >>>>
Siehe auch LEISTUNGEN:
6. Additive Krebstherapie >>>>
"Lass
mich nicht fallen,
wenn das Alter kommt
und halte mich, wenn meine Kräfte schwinden.
Manch Unglück haben wir erlebt,
viel Schmerz und Trauer schon gespürt."
Psalm 71
|
Links:
www.palliativedrugs.com/
Tiroler Hospiz Gemeinschaft
Stille Geburt
OPG Österreichische
Palliativgesellschaft
Hospice
Care Palliative Care Services Bereavement Grief Services
Center
to Advance Palliative Care Providing Program Assistance Home Page
Association
for Palliative Medicine
Deutsche
Gesellschaft für Palliativmedizin e.V.
www.palliativ-portal.de/
Schweizerische Gesellschaft für Palliative Care
American
Academy of Hospice and Palliative Medicine Homepage
The
National Council for Palliative Care
Palliative
Care Australia
ÖGGG
Österreichische Gesellschaft f. Geriatrie & Gerontologie
Lebenswelt Heim, Bundesverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs
DGG Deutsche Gesellschaft für Geriatrie
SGG Schweizerische Gesellschaft für Gerontologie
UEMS Geriatrics in EU
BGS British Geriatrics Society
IAGG International Association of Gerontology & Geriatrics
AGS The American Geriatrics Society
IPA International Psychogeriatric Association
OEGIAIM Österreichische Gesellschaft f. internistische u. allgemeine Intensivmedizin
DGIIN Deutsche Gesellschaft f.internistische Intensiv- u. Notfallmedizin
Initiative
for Pediatric Palliative Care (IPPC) Curriculum
Salzburger
Akademie für Palliative Care
Koordination
Palliativbetreuung Steiermark
Hospiz
Österreich
Arbeitsgemeinschaft
Elisabeth Kübler-Ross
American
Hospice Foundation
Forum Medizin Ethik
Dr. Michael Peintinger
www.patientenverfuegung.or.at/
Patientenverfügung
Hospiz Österreich
pdf
>>>>
Vertretungsnetz - Patientenanwaltschaft Österreich
www.tirol.gv.at/patientenvertretung
www.tirol.gv.at/themen/gesundheit/patientenvertretung/patientenverfgung/
Vorsorgevollmacht - Bundesministerium für Justiz pdf
>>>>
www.justiz.gv.at/
Trauerhilfe - Thanatologie
- Verstorbenenversorgung - Österreich
Verein Kuratorium Bestattung
Bestattungs-Lexikon Unschwarz FL
Traueranzeige - AT
Traueranzeige Tiroler Tageszeitung
ASPETOS Trauer-Netzwerk AUT
Bestatter.AT
Fachverband der Bestattung AUT
Naturbestattung - AT
Bestattung Kröll Mayrhofen
www.puetz-roth.de/Das-Haus-der-menschlichen-Begleitung.aspx
Informationen zu Nahtoderfahrungen:
Sterbeforschung Bernhard Jakoby BRD
Netzwerk Nahtod-Erfahrung e.V. BRD
IANDS International Association for Near-Death Studies USA
NDERF Near Death Experience Research Foundation
|
"Der Mensch weiß nicht,
was
er ist,
zugleich weiß er aber,
dass
er es nicht weiß."
Max
Scheler
(1874-1928)
Deutscher
Philosoph und Soziologe |

Ludwig Hirsch
(28. Februar 1946 -
† 24. November 2011)
Österreichischer Liedermacher und Schauspieler
Komm großer schwarzer
Vogel, komm jetzt!
Schau, das Fenster ist weit offen,
Schau, I hab' Dir
Zucker aufs Fensterbrett g'straht.
Komm großer schwarzer
Vogel, komm zu mir!
Spann' Deine weiten,
sanften Flügel aus
und leg's auf meine
Fieberaugen!
Bitte, hol' mi weg
von da!
Und dann fliegen miar
auffi, mitten in den Himmel eini,
in a neiche Zeit, in a
neiche Welt.
Und I werd' singen, I werd' lachen,
I
werd' "des gibt's net", schrei'n,
weil I werd' auf amol kapieren
worum sich alles
dreht.
Komm großer schwarzer
Vogel, hilf mir doch!
Press' Deinen
feuchten, kalten Schnabel
auf mei Wunde, auf mei haße Stirn!
Komm großer schwarzer
Vogel, jetzt wär's grad günstig!
Die anderen da im
Zimmer schlafen fest
und wenn wir ganz
leise san,
heart uns die Schwester
net?
Bitte, hol mich weg
von da!
Und dann fliegen wir
auffi, mitten in Himmel eini,
in a neiche Zeit, in a neiche Welt.
Und I werd' singen, I werd' lachen,
I
werd' "des gibt's net", schrei'n,
weil I werd' auf amol kapieren
worum sich alles
dreht.
Ja, großer schwarzer
Vogel, endlich!
I hab' Di gar nit einikuman g'hört,
wie lautlos Du fliegst
mein Gott, wie schön
Du bist!
Auf geht's, großer
schwarzer Vogel, auf geht's!
Baba, ihr meine Lieben
daham!
Du, mein Mädal, Mama,
baba!
Bitte, vergesst's mi
net!
Auf geht's, mitten in
Himmel eini,
net traurig sein, ist
ka Grund zum traurig sein!
Na I werd' singen, I
werd' lachen, I werd' "es gibt's net" schrei'n.
I werd' endlich
kapieren, I werd' glücklich sein!
Ja I werd' singen und
I werd' lachen und I werd' "des gibt's net" schrei'n.
I werd' endlich
kapieren, I werd' glücklich sein!
I werd' endlich
kapieren, I werd' endlich glücklich sein! (1993)
www.youtube.com/watch?v=CgY5oM_R70E
Literatur:
Tiroler Hospiz Gemeinschaft, Tiroler Arbeitskreis für Onkologie, Tiroler Landesregierung:
„Palliative Care. Empfehlungen für die Betreuung schwerkranker
Menschen am Lebensende in Tirol“ Tiroler Gesundheitsfonds 2011.
Im Vorwort:
"Nach der Definition der WHO aus
dem Jahr 2002 ist Palliative Care ein Konzept, mit dem die
Lebensqualität der Patienten und ihrer Familien verbessert werden
soll, wenn sie mit einer lebensbedrohlichen Krankheit und den damit
verbundenen Problemen konfrontiert sind. Dies soll durch Vorsorge und
Linderung von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen und Erfassung und
Behandlung von Schmerzen und anderen physischen, psychosozialen und
spirituellen Problemen erfolgen. In vielen Situationen ist der
erwartbare Nutzen von Diagnostik und Therapie abzuwägen gegenüber
Belastungen und Kosten, und oft stellt sich die Frage nach dem
therapeutisch Sinnvollen."
Gian
Domenico Borasio
(b.1962,
Palliativmediziner): „Über das Sterben. Was wir wissen, was wir
tun können, wie wir uns darauf einstellen“ 2.Auflage BECK 2012
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Eberhart Klaschik: „Palliativmedizin - Schmerztherapie –
Gesprächsführung – Ethik“ SPRINGER 2. Auflage 2003
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Leitfaden und Checklisten für die bedürfnisorientierte Behandlung" (A
Guide to Symptom Relief in Palliative Care. 6th ed. Radcliffe
Publishing Oxford 2010) HANS HUBER 2010
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„Die Goldenen Regeln der Menschheit. Was man tun muss, wenn man das
Richtige tun möchte: Lebensregeln, Gebote und Tugendkataloge vom
Altertum bis heute“ PATTLOCH 2006
Alois Dengg (b.1961, Arzt): "Palliativmedizin - Eine praxistaugliche Montage" Schriftliche Abschlussarbeit zur Erlangung des Geriartrie Diploms der ÖÄK
2009/10
pdf
>>>>
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